"Jeder von uns ist eine Biographie" Interview mit dem Bocholter Report

Bocholt. "Leben, um davon zu erzählen", so heißt ein neues Projekt des Schauspielers und Regisseurs Ralf Melzow, das am morgigen Donnerstag startet. Aufgerufen sind hierzu interessierte Bürger ab 65 Jahren. Entstehen soll ein Theater-, Musik- oder auch Tanzstück. Alles sei laut Melzow noch offen, richte sich nach den Akteuren. Melzow hofft nun auf eine rege Ü65, die sich beteiligt. Hemmungen sind dabei, wie wir in einem Gespräch mit dem Projektleiter erfahren haben, überhaupt nicht nötig...

Bocholter Report: ""Herr Melzow, ihre langjährige, erfolgreiche Arbeit mit der Bocholter Bühne lässt bereits erahnen, dass auch das neue Projekt wieder etwas ganz Besonderes werden soll?"

Ralf Melzow: "Das ist richtig. Ich möchte gemeinsam mit älteren Bürgern eine Theateraufführung erarbeiten. Und mir damit einen Traum erfüllen..."

Bocholter Report: "Traum?"

Ralf Melzow: "Ja, ganz richtig. Ich habe vor vielen Jahren mal mit Senioren Theater gemacht, das war eine wunderbare Erfahrung. Und ich hatte immer im Hinterkopf, so etwas wieder aufleben zu lassen. Ich möchte Geschichten älterer Menschen theatralisch aufarbeiten. Jeder hat viel zu erzählen, aber keiner hört zu. Die Kultur des Zuhörens und Erzählens hat sehr gelitten. Zugegeben, manchmal nervt es einen selbst ja auch.

Mein Wunsch ist es, diese Kultur auf ungewöhliche Art und Weise wieder ein kleines Stück nach vorne zu bringen."

Bocholter Report: "Gibt es bereits einen Titel für das Stück?"

Ralf Melzow: "Den gibt es. Leben, um davon zu erzählen, so soll es heißen. Das ist aber auch das Einzige, was fest ist. Alles andere ist vollkommen offen. Und das macht das Projekt so spannend."

Bocholter Report: "Am morgigen Donnerstag findet ein erster Besprechungstermin für alle Senioren, die interessiert sind, statt....?"

Ralf Melzow: "Das ist richtig. Treffpunkt ist der Kulturort Alte Molkerei an der Werther Straße 16. Ich hoffe, dass viele ältere Mitbürger in der Zeit von 16 bis 18 Uhr den Weg zu uns finden."

Bocholter Report: "Hemmungen muss keiner haben, verrieten Sie uns bereits. Will heißen: Was erwarten Sie von Ihren Teilnehmern?"

Bocholter Report: "Erst einmal gar nichts. Jeder darf gerne von sich berichten oder erzählen, in wie weit er sich eine Mitarbeit vorstellen kann. In erster Linnie geht es darum, dass wir Menschen suchen, die erzählen können..."

Bocholter Report: "Was heißt das genau?"

Ralf Melzow: "Ich möchte eine Kultur des lebendigen Erzählens und aktiven Zuhörens in dieser neuen Produktion wiederfinden.
Ich freue mich über jeden Teilnehmer, der mit einer Geschichte, Erzählung, einem Gedicht oder auch Anekdote etwas beitragen kann zu diesem Stück. Wobei ich vorweg schicken muss, dass ich mir nicht unbedingt nur Geschichten aus dem Krieg wünsche, da würde ich dann entsprechend gegensteuern. Hingegen könnte ich mir gut vorstellen, dass                                                                                 

                                                                                                                                                                                                        © Photo: Ralf Melzow

jemand, der schon immer gerne getanzt oder ein Musikinstrument gespielt hat, sich mit einbringen könnte."                                                           

Bocholter Report: "Gibt es denn bereits Senioren, die dabei sind?"

Ralf Melzow: "Anfang September habe ich bereits Handzettel auf dem Markt in Bocholt verteilt und bin durchaus auf Aufmerksamkeit und Anerkennung gestoßen. Ja, es gibt bereits Interessenten. Ich hoffe aber, dass es am morgigen Donnerstag noch viele mehr sein werden."

Bocholter Report: "Für das Projekt kennzeichnen Sie verantwortlich?"

Ralf Melzow: "Ich führe zwar die Regie, für den inhaltlichen Teil des Projektes aber sind die Teilnehmer verantwortlich. Sie sollen aus ihren Biographien erzählen. Denn schließlich ist jeder von uns eine Biographie. Und meine Assistentin Helene Krüger und ich freuen uns auf die Schönsten, Anrührendsten, Erschreckendsten, Sentimentalsten und Spannendsten."

Bocholter Report: "Das Stück entwickelt sich also durch die einzelnen Akteure?"

Ralf Melzow: "Ganz genau. Die Form soll so offen gestaltet sein, dass sich alle Kunstsparten und erzählerische Formen, die die Teilnehmermitbringen, in der Präsentation zeigen können. Die unterschiedlichen Wirklichkeiten unseres Daseins sollen durch das verbindende Element der gemeinsamen Präsentation in eine Wirklichkeit gefasst sein."

Bocholter Report: "Will heißen: Es müssen keine Textpassagen erlernt werden?"

Bocholter Report: "Ganz genau. Es ist kein Theaterstück, wie man es im üblichen Sinne kennt. Es wird frei gestaltet von den Akteuren, eingepasst in einen entsprechenden Rahmen."

Bocholter Report: "Wenn Senioren in Sachen Erzählen aber nicht so pfiffig sind, sich aber trotzdem einbringen möchten..."

Ralf Melzow: "Dann ist das gar kein Problem. Kostüme müssen genäht, ein Bühnenbild muss erstellt werden. Vielleicht gibt es auch einen Video- oder Fotokünstler... Es gibt zig Aufgaben, die rund um die Aufführung zu vergeben sind. Da findet sich für jeden Teilnehmer etwas."

Bocholter Report: "Wann soll das Projekt aufgeführt werden?"

Ralf Melzow: "Die Präsentation ist für Ende 2011 geplant. Wir haben also reichlich Zeit, stehen nicht unter Druck."

Bocholter Report: "Gerade erst haben Sie junge Menschen aufgerufen und sind auf reges Interesse gestoßen. Wo liegt der Unterschied, ob man als Schauspieler und Regisseur mit Jugendlichen oder aber mit Senioren arbeitet?"

Ralf Melzow: "Die Ansichten sind bei älteren Menschen oft gefestigt, man muss sich für ein Miteinander nicht so sehr anstrengen. Hingegen sind Senioren manchmal auch etwas dünnhäutiger, sensibler. Ich sehe das so, dass alle Generationen eines verbindet: Wir kämpfen alle noch mit der Pubertät!"

Bocholter Report: "Was dürfen interessierte Senioren erwarten, wenn sie am morgigen Donnerstag zu Ihnen in die Alte Molkerei kommen?"

Ralf Melzow: "Einen tollen Nachmittag mit bekannten und auch unbekannten Gesichtern..."

Bocholter Report: "Wir wünschen viel Erfolg!"

Veröffentlicht am 07.10.2010 im Bocholter Report















 

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